Hat Media Markt auch das Internet verschlafen?
Seit kurzem hat der Media Markt seinen Online Shop mit einer großen Kampagne eröffnet und der erste Eindruck zeigt, es lohnt sich nicht dort einzukaufen. Man wundert sich, denn vom größten Elektronik Fachmarkt Europas (immerhin fast 60.000 Angestellte, 20 Milliarden Umsatz und knapp 250 Fachmärkte) hätte man einen Online Knaller erwartet. Was heute möglich ist, zeigt täglich Amazon (34.000 Mitarbeiter und 34 Milliarden Umsatz) und hier liegt das Problem. Bei Amazon gibt es quasi alles, also Bewertungen, Kommentare, Empfehlungshinweise, History, Erinnerung usw. Dazu gibt es einen ausserordentlich guten Service und das zu Knallerpreisen und beim Mediamarkt sucht man all das vergebens. Der Shop macht einen Web 1.0 Eindruck und von innovativen neuen Ansätzen, u.a. One-Click-Buy, Social Networks, E-Books oder neuen Geschäftsmodellen wie Videothek oder Music-Flatrate fehlt jede Spur und man hat auch das Gefühl, das alles nicht gewollt sei. Man kann dies dem Media Markt auch nicht verdenken, denn die einzelnen Fachmärkte sind größtenteils selbständig und nur Teilbereiche, wie z.B. Einkauf und Marketing sind zentralisiert. Also jeder Euro, der online umgesetzt wird, ist in Konkurrenz zum lokalen Fachmarkt zu sehen. Daher hat die Metrogruppe auch gehandelt und redcoon als Online Plattform gekauft, aber diese ist auch nur geringfügig besser.
Warum beschreibe ich jetzt diesen Online Shop so ausführlich?
Wie im letzten Artikel über Disruptive Technologien am Beispiel der MyTaxi App, sieht man auch hier, dass einige Industrien das Internet völlig ignorieren oder falsch einschätzen. Man kann sagen, Media Markt ist wirklich groß und die machen alles richtig, aber das haben Nokia und Quelle auch gedacht. Im letzten Jahr hat Amazon allein an einem Tag 2.1 Millionen Pakete verschickt. Im Versandhandel findet der Umsatz inzwischen zu 2/3 online statt, was eigentlich nur zeigt, dass das Internet inzwischen im Alltag angekommen ist. Wenn aber diese “alten Industrien” den Fortschritt (sei er gut oder schlecht) verschlafen, werden sie unglaublich schnell verschwinden. Media Markt definiert sich in den letzten Jahren fast zu 100% über den Preis. Leider hat aber Amazon fast die gleiche Preispolitik und im Gegensatz zum Media Markt, brauchen die nur ein Logistikzentrum und keine Verkäufer, auf lange Sicht ein unfairer Wettbewerb. Man wird in 5 Jahren sehen, wo der Weg vom Media Markt (und damit vieler Fachmärkte) hingehen wird, eines ist jedoch jetzt schon sicher. Dieser Weg wird hart werden und wir sehen schon jetzt, am Beispiel der Musikindustrie, dass sich vieles grundlegend ändert und Internet wird auch vor anderen Bereichen nicht stoppen, z.B. des Buchmarktes oder der Bildung.




http://www.excitingcommerce.de/2011/10/media-markt-schlamassel.html
Auszug aus der Gedankenwelt von Horst Norberg, Chef der Media-Saturn-Holding.
Naja, MediaMarkt kann ja viel Geld in Lobbyarbeit stecken und Politiker überzeugen, daß der Onlinehandel Arbeitsplätze kostet und so Gesetze erlassen werden die jeden Onlinehändler verpflichten pro 10 Millionen Umsatz eine Filiale in Deutschland zu eröffnen. Nicht kooperative Onlinehändler werden mit einem Stopschild vom deutschen Onlinekäufer ferngehalten. Jeder deutsche Onlinekäufer der dennoch bei einem nicht kooperativen Onlinehändler kauft werden nach dem three-strikes Modell vom Netz getrennt und diese dürfen nur noch in den Filialen vor Ort einkaufen.
Jochen Delling
Januar 30, 2012 um 7:20 pm
Danke für den guten Link. Der erwähnte FAZ Artikel http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/elektrohaendler-media-markt-schafft-sonderangebote-ab-11447739.html ist auch sehr lesenswert. Das Marketingbudget beträgt 580 Mio. Euro, was erstmal wieder reinkommen muss und diese dezentrale Preispolitik ist nicht mehr zeitgemäß. Ich bin gespannt, wann die aufwachen werden. Erstmal müssen die Mitarbeiter durch Mehrarbeit (Entschlankung) leiden um dann zu erkennen, dass es ein Management Fehler ist.
onlinebynature
Januar 30, 2012 um 7:45 pm
Grundsätzlich sehe ich das ähnlich.
Im Fall Media Markt sollte man jedoch einen Punkt nicht unterschätzen:
Die Möglichkeit, die online bestellte Ware persönlich im Markt abholen zu können.
Grade bei großen Artikeln, für die man dann bei Amazon o.ä. extra Termine mit der Spedition ausmachen muss, ist die Möglichkeit selber zum Markt hinzufahren und abzuholen, nicht schlecht.
Ich denke auch, dass die großen Elektronikmärkte noch lange nicht sterben werden, denn das reale, haptische Erlebnis vor Ort sollte man ebenfalls nicht unterschätzen.
Bestellen kann man dann immer noch beim günstigeren Anbieter im Internet
Aber was so auf Dauer auf keinen Fall konkurrenzfähig sein wird, ist das (noch) extrem dürftige Angebot im MM Online.Shop.
Bertl
Januar 31, 2012 um 11:07 am
Hallo Bertl,
das mit dem Abholen ist eine tolle Vorlage und ich wollte das zuerst gar nicht schreiben. Ich empfinde dieses Feature nämlich als Bug:-) Ich hab mir selbst vor einem Jahr eine Waschmaschine bei Amazon gekauft. Da ich kein Auto hab, war das mit der Lieferung kaufentscheidend für mich, aber im Gegensatz zum Media Markt liefert Amazon NICHT Bordsteinkante, sondern Aufstellungsort (bei mir 4.Stock ohne Fahrstuhl) und beim MM kostet die Lieferung innerhalb Lübecks auch noch 35,-. Bei Amazon kostet es 15,- (meine ich) und die alte maschine nehmen die auch noch mit (bei mir war das umsonst, da es ein Weihnachtsangebot war). Das einzige Problem war die Lieferzeit, da ich nen halben Tag frei nehmen musste, aber die Zeit wäre beim direktabholen auch weg gewesen und niemand hätte sie mir in 4ten Stock getragen. Ich denke das Konzept des Abholens vor dem Ort ist kein richtiger Vorteil. Das mit der Haptik könnte korrekt sein, aber beim Online Händler hab ich ein Umtauschrecht (ohne Angabe von Gründen). Beim MM hab ich das nicht und als ich einmal ein Gerät testen wollte, hat sich der MM geweigert es anzuschliessen. Kaufen wie gesehen, Umtausch ausgeschlossen. Ich hab sogar bei der Info nachgefragt, da ich das nicht glauben konnte. Das war aber vor 4 Jahren und kann sich inzwischen geändert haben (die Kulanz, nicht die Rechtsbedingungen).
onlinebynature
Januar 31, 2012 um 11:53 am
über kurz oder lang wird es wohl nur noch online-Shops und hochspezialisierte Fachmärkte, die sich über besondere Leistungsmerkmale (exklusive Preis) definieren, geben. Da weder MM noch Saturn zu dieser Kategorie gehören, werden sie mit ihrem jetzigen Ansatz wohl nicht mehr lange Bestand haben…
Hoffen wir für die Angestellten, dass das Management diesen Punkt entweder erkennt und einen radikalen Wandel vornimmt oder die Führungsetage des Konzerns komplett ausgewechselt wird!
Mats K (@Mats_K13)
Januar 31, 2012 um 12:10 pm