Ein Kommentar

SternTV scheitert bei der Erklärung von Tauschbörsen

Gestern Abend ist ein Wunder geschehen, denn ich bin wirklich zufällig auf SternTV gelandet und habe den Bericht über Tauschbörsen im Internet gesehen. Ich selbst habe mich wegen meines Medienkompetenzkurses gerade 4 Wochen intensiv mit diesem sehr komplexen Thema auseinandergesetzt und war wirklich gespannt auf den Bericht.

Was dann aber passierte, war mal wieder sehr enttäuschend oder halt typisch für RTL und SternTV. Es wurden ein paar Fälle gezeigt, der Anwalt der Musikindustrie Clemens Rasch versuchte sich zu rechtfertigen und der Verbraucheranwalt Christian Solmecke versagte.

Einige Punkte, die mir in der Reportage aufgefallen sind, will ich kurz erwähnen.

– Die Musikindustrie hatte laut Rasch letztes Jahr einen verlust von einer Milliarde Euro. Laut IFPI selbst war der gesamte Umsatz der Musikindustrie 1,7 Milliarden. Wird da vielleicht Umsatz mit Gewinn verwechselt? Und wie kommt die MI darauf, dass jedes Tauschbörsen-File auch Umsatz generiert?

– In Hamburg bei ProMedia sitzen über 50 Mitarbeiter, die jeden Tag Jagd auf Raubkopierer im Internet machen. Mir kommt das so vor, als ob dort eine Privatarmee der MI sitzt und die eigenen Kunden verklagt. Und ist das nicht eigentlich die Aufgabe der Polizei und der Staatsanwaltschaft? Ich gehe ja auch nicht jeden Tag durch die Stadt, und schreibe Falschparker auf.

– Laut Rasch werden jeden Monat 5000 Abmahnungen zur Abschreckung verschickt. Jede hat einen Streitwert von 3.000-10.000 Euro. Das macht im Jahr einen Wert 100 Mio. Euro. Bei einem Umsatz von 1,7 Milliarden da nur von Abschreckung zu sprechen, ist etwas seltsam.

– Man sollte eine Unterlassungserklärung abschicken und die Tauschbörsensoftware deinstallieren, damit man in Zukunft nichts zu befürchten hat. Warum sollte ich der Firma, die mich verklagen will, denn Informationen liefern? Ich glaube da ist ein grundlegender Widerspruch. In Deutschland gilt immer noch die Unschuldsvermutung und ich schicke ja der Polizei auch keine Erklärung, dass ich auf der Autobahn nicht schneller als 130 km/h fahren werde.

– Die Deinstallation von Tauschbörsensoftware ist natürlich gänzlich überflüssig. Eine Software ist nie verantwortlich für die Inhalte. Nicht jedes File in Tauschbörsen ist illegal und niemand würde auf die Idee kommen Word zu deinstallieren, nur weil man damit Bombenanleitungen schreiben kann.

Was SternTV bei dem Bericht gänzlich vermissen hat lassen, ist der journalistische Auftrag. Es wurden eigentlich keine richtigen Fragen gestellt. Das veraltete Urheberrecht hat Defizite mit digitalen Inhalten und der Gesetzgeber vertritt hier die Interessen der Urheber und nicht der Verbraucher. Daher sind momentan die ca. 8 Mio. Tauschbörsennutzer kriminalisiert worden. das betrifft natürlich vor allem die digitale Generation, also vorwiegend Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die Medienindustrie ist verschwindend klein, im Vergleich zur IT-Industrie, trotzdem, werden deren Rechte überbewertet. Wer mehr dazu wissen will, sollte sich die Interviews von Lawrence Lessig (Teil 1, Teil 2) beim Elektrischen Reporter einmal anschauen oder bei mir im Januar Medienkompetenz belegen:-)

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Ein Kommentar zu “SternTV scheitert bei der Erklärung von Tauschbörsen

  1. Ich finde es auch immer erstaunlich, welche Gewinn. oder Umsatzverluste die MI haben soll. Runtergeladen/getauscht wird doch hautpsaechlich nur, weil es kostenlos ist.

    PS: Den Kurs Medienkompetenz kann ich empfehlen. Vor allem für Leute, die selber noch nichts akiv im Internet gemacht haben und nur gelesen haben, wird der Kurs einiges Neues bringen.

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