Ein Kommentar

Erfahrungsbericht einer Seniorin aus dem Medienkompetenzkurs

Morgen am Samstag findet in Lübeck die Seniorenmesse Alter Aktiv Messe statt. Ich wurde eingeladen einen Vortrag über Web 2.0 und Senioren zu halten. Dabei kam mir die Idee, einfach meine älteste Kursteilnehmerin aus meinem Medienkompetenzkurs zu fragen, ob wir den Vortrag nicht gemeinsam halten wollen. Frau Eva Günther-Betz hat schriftlich Ihren Vortrag schon ausgefertigt und ich darf ihn hier veröffentlichen. Viel Spass beim lesen, er ist wirklich sehr interessant geschrieben.

Senioren mit Laptop

Guten Tag, meine Damen und Herren,
mein Name ist Eva Günther-Betz (eva.guenther-betz[@]t-online.de), ich bin 55 Jahre alt und habe Ende des vergangenen Jahres an dem Medienkompetenz-Pilotkurs teilgenommen.

ZUR MOTIVATION

Familiäre Vorbilder
Mein Vater war Jahrgang 1918. In seinen Jugendjahren sicher vergleichbar von der technischen Veränderung der Welt fasziniert wie es die junge Generation heute vom Internet ist. Während der Kriegsjahre wurde er als Marinefunker ausgebildet und setzte diese Tätigkeit des „in die Welthineinrufens“ mit Hilfe seiner Morsezeichen bis in das Zeitalter des Internets fort.

Meine Kindheitserinnerungen sind geprägt von dem Vater, der in schlaflosen Nächten mit den Kopfhörern auf den Ohren mit Menschen überall auf der Welt kommunizierte. Die Belohnung war der Bericht am Frühstückstisch, mit wem er in welchem Teil der Erde gefunkt hatte. Nur wenig später kam als sichtbares und besonders beeindruckendes Zeichen eine spezielle Funker-Postkarte aus diesem Land.

In den 90iger Jahren reisten seine Enkel hinaus in diese Welt. Und es war mein Vater, der in regem Schriftverkehr begeistert mit seinen Enkeln in Argentinien, Tonga oder Australien korrespondierte, – bis vier Wochen vor seinem Tod – und das war im 87. Lebensjahr.

Familiäre Notwendigkeiten
Mitte der Neuziger Jahre ging mein geschiedener Mann in den Südpazifik und nur wenig später folgte ihm mein Sohn. Fünf Jahre habe ich meinen Sohn nicht gesehen. Am Tag, als er zurückkehrte, war das Wiedersehen keineswegs so fremd wie ich vermutet hatte. Aber während der gesamten Zeit bestand ein reger Verkehr zwischen der zurück gebliebenen Familie in Deutschland und meinem Sohn am anderen Ende der Welt.

Meine Tochter, eine angehende Ethnologien mit dem Schwerpunkt Südpazifik, trennt sich heute immer häufiger von mir mit den kurzen Worten: „ich meld mich dann über Skype“ .Dann weiß ich, dass ich in überschaubarer Zeit das Kind via Internet sprechen und sehen werde , wenn ich will – mit Ausblick auf den Garten ihres Standortes, dank google earth, einem Internet-Bildprogramm, dass per Satellitaufnahme Luftaufnahmen von allen Teilen dieser Erde ermöglicht.

Berufliche Herausforderungen
Aufgrund verschiedener Lebensumstände habe ich mich wiederholt beruflich neuorientiert. In diesen Phasen des Neulernens wurde mir immer deutlicher, dass das Medium PC und Internet eine Kulturtechnik der Neuzeit ist, die die Grundlage für alles darstellt, was ich in Zukunft noch tun möchte.

Eine sehr persönlicher Ansporn war dabei die spürbare Arroganz der jüngeren Kollegen meinem unzureichenden Wissen gegenüber und die Selbstverständlichkeit, mit der Wirtschaftsunternehmen dieses Wissen voraussetzen. Ich war also herausgefordert meinen Willen und mein Vermögen zum ständigen Lernen und Weiterbilden zu aktivieren.

Lebensbewältigung – Lebensqualität
Ich hatte mich entschlossen an dem Angebot dieser Weiterbildung teilzunehmen, weil ich weder der Überzeugung bin, dass man irgendwann für irgendetwas zu alt ist es zu lernen, noch weil ich es für die Verbesserung meiner Lebensqualität nicht relevant halten würde. Im Gegenteil !

So wie ich mittwochs zum Philosophiekurs gehe und sonntags gerne ins Konzert, ist der Besuch im Internet von mir eine nicht zu missende Lebensbereicherung geworden. Ohne E-Mail-Kontakt, ohne Handy-Fotoschnappschüsse, Internetrecherchen und Chatrooms zu ausgewählten Themen wäre meine soziale Welt als alleinstehende Frau in fortgeschrittenem Alter nicht annähernd so reichhaltig wie mit diesen neuen Möglichkeiten.


ZUM KURSVERLAUF

Voraussetzungen
Der Medienkompetenzkurs setzte voraus, dass man gewisse Grundkenntnisse besaß. Man meldete sich an und lernte die weiteren Teilnehmer erst bei Beginn des Kurses über das Internet kennen.

Ähnlich wie bei der Beherrschung von Fremdsprachen können die Niveauunterschiede in einem Kurs unter den Teilnehmern äußerst groß sein. Ich würde mich mal zu denen zählen, die das niedrigste Niveau hatten. Ich habe zwar seit Mitte der 80iger Jahre mit Computern arbeiten gelernt, aber es so getan, wie es für Frauenarbeitsplätze oft kennzeichnend ist, nämlich so viel wie nötig. Und das ist manchmal nicht viel mehr als früher mit der Schreibmaschine.

Die uns Teilnehmern zur Verfügung gestellten Unterlagen wiesen uns ausführlich in die Bedingungen ein und benannten eine Mindestausstattung im Technikbereich. Mein ehemals Informatik studierender Sohn zeigte deutlichen Ehrgeiz seiner Mutter die finanzierbar besten Bedingungen einzurichten. Es ging also gut an.

Da der Kurs keine Präsenz an einem bestimmten Ort vorsah, war klar, dass man zu einer bestimmten Zeit am besten an seinem heimischen PC zu sitzen hatte. Ich war wirklich dankbar, dass ich an irgendeinem dieser trüben Oktober-/Novembertage nicht bei Wind und Wetter auf den Weg machen musste, um in dunklen Stunden irgendwo im Nichts einen Kurs besuchen zu müssen. Heimarbeitsplätze haben etwas, was „Frauen lieben“: Man kann sich´s nämlich gemütlich machen bei der Arbeit.
Da einige Teilnehmer über Webcamps verfügten, war das Begucken und Bestaunen auch gesichert, spätere leibhaftige Begegnungen nicht ausgeschlossen, was dann auch geschah.

Inhalte
Die Grundkenntnisse als Vorbedingungen waren für diesen Kurs erforderlich, weil wir uns in der Kürze der Maßnahmezeit ausschließlich mit dem Web 2.0 beschäftigten.

Dass das Web 2.0 überhaupt eine gesonderte Entwicklung beschrieb, war mir bei der Anmeldung zum Kurs keineswegs vertraut. Was sich dann aber durch die Arbeit erschloss, war der Blick nicht nur in eine neue technische Entwicklung sondern vor allem in eine neue gesellschaftliche Veränderung. Ohne es zu wissen, lernte ich zu erkennen, dass ich mich auf dem besten Weg befand mich mit der „Lissabon Strategie des lebenslangen Lernen „life long learning“ auseinander zu setzten und einen neuen demokratisierenden Bildungsweg zu beschreiten.

Wir erhielten eine umfassende Einführung in die Technik und Begrifflichkeit dieses Fachbereiches, wir stellten einander vor und vereinbarten Kommunikationsregeln und zeigten zunächst das Verhalten von willigen Schülern, die am Anfang sich nicht trauten Fragen zu stellen.

Nach Erarbeitung dieser Grundlagen kam eine wirkliche Herausforderung durch die eigene Gestaltung eines Blogs. Was ist ein Blog und wofür soll das gut sein? waren Fragen, die sehr schnell nicht die Gesellschaft aber uns als Gruppe spaltete. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass sich ein Teilnehmer spätestens jetzt vom Kurs verabschiedete.

Blogs sind so etwas wie die Speaker Corners in Londons Hyde-Park, wo jeder Reden halten kann, ob man ihn hören möchte oder nicht. Insbesondere Journalisten nutzen diese Möglichkeit der Meinungsäußerung zur befreienden Erweiterung der Medienkultur. Ich habe mir sagen lassen, dass gelangweilte Hausfrauen, Exhibitionisten und profilsüchtige Politiker diese Form der Darstellung im Internet bevorzugen und dass dass ganz gefährlich sei, wenn man da was reinschreibt, was dann Arbeitgeber und Vorgesetzte zwanzig Jahre später gegen einen verwenden können. Na ja, dass ist wahrscheinlich so wie mit dem falschen Leserbrief oder dem Anruf bei der Sendung „die Meinung des Hörers ist gefragt“. Es ist immer gut mit Medien kritisch umzugehen. Und das lernten wir daran.

Auf jeden Fall kann man bei der Gestaltung eines Blogs eine Vielzahl auch an technischen Tricks und Raffinessen kennenlernen, die man beim gewöhnlich eher passiven Gebrauch des Internets nicht erfahren würde. Während die Erstellung einer Homepage sowohl solide Kenntnisse als auch die Investition in Gebühren beinhalten, ist der Versuch einen Blog zu erstellen, eine kostenlose und gut kontrollierbare Chance der Themendarstellung im Internet. Es gibt so viele Möglichkeiten der Bloggestaltung wie es Menschen und Interessen gibt. Und somit dienlich für Millionen neue Ideen!

Die aufwendigste und verantwortungsvollste Aufgabe war das Erstellen oder Erweitern eines Wikipedia-Beitrages. Wikipedia und seine Konkurrenten stellen die Bildungsgesellschaft endgültig auf den Kopf. Hier kann man von einer Demokratisierung des bisherigen Bildungsprivilegs sprechen. Für uns scheinbar nicht mehr so häufig gefragten Alten die CHANCE, Wissen und Können in anspruchsvoller und umfassender Art verantwortungsvoll an die Gesellschaft weiter zu geben.

Probleme während des Lehrgangs
Disziplin ist nicht unbedingt meine Tugend. Ich lasse mich gerne ablenken, und wenn kein Druck da ist, lass ich auch schon mal was schludern. E-Learning ist sicher eine Verfahrenstechnik, die den erwachsenen und motivierten Lernenden anspricht.

Ähnlich wie im Studium ist eine gewisse Fähigkeit zum selbständigen Strukturieren erforderlich. Erwachsene unseres Alters haben unzweifelhaft eine solche Struktur entwickelt, mal mehr oder weniger, aber ausreichend, um für diese Art des Lernens beste Voraussetzungen mitzubringen. Man hat die Pflicht und die Freiheit sich die Erarbeitung des Lehrstoffes selbst einzuteilen, also sein Lerntempo selbst zu bestimmen. Je nach Tagesform und Interesse eröffnen sich dabei individuelle Spielräume, die man bei Präsenzkursen so nicht hat.

Obwohl die Kontakte anfänglich sehr eindimensional erscheinen, entstehen die vielfältigsten Beziehungsmöglichkeiten. Es gibt genügend kritische Stimmen, die diese Reduktion des Kontaktes während des Internetbesuches für gefährlich und einschränkend beurteilen. Dass aber können sie nur sein, wenn sie das übrige Erleben vollständig ersetzen. In diesem Kurs gab es eine vorbehaltlose und generationsübergreifende Chance des Kontaktes, die sich in nichts von der Kommunikation z.B. anderer VHS-Kurse unterschied, die ich bei lebendigem Leibe in ungemütlichen abgewirtschafteten Klassenräumen besuchte. Das Bedürfnis sich zu treffen und „richtig“ kennen zu lernen, wuchs; es förderte sozusagen die Neugier aufeinander. Am Ende diese Kurses organisierten wir daher ein Treffen, das im übrigen in jedem Kurs zu jeder beliebigen Zeit planbar ist.

Sowohl für den Unterrichtenden als auch für den Lernenden fand ich die Aufmerksamkeitshaltung während des Kurses als Herausforderung. Theoretisch konnte man sich in eine Ecke des großen grauen Äthers des Nichts verkriechen, so wie man vielleicht früher im Geschichtsunterricht gelangweilt aus dem Fenster gestarrt hat. Die Vermittlung des Lehrstoffes setzt jedoch voraus, dass alle dem Lehrenden folgen können. Hier gilt das gruppendynamische Gesetzt: der Fortschritt der Gruppe ist von dem schwächsten Glied seiner Gruppe abhängig. Wer also nicht mitkam, hat sich bemerkbar gemacht. Und die Hilfsbereitschaft unter uns Teilnehmern war nicht weniger groß wie in einem normalen Klassenraum.
Diese Erfahrung hat mich sicher sein lassen, dass ich auch als „blindes Huhn“ noch eine Chance unter unseren Profis hatte.
Was ich für unsere heutige Kommunikationsstruktur besonders förderlich fand, war, dass ein Durcheinanderreden oder „jemanden ins Wort fallen“ ausgeschlossen war. Die Technik gestattet solche soziale Kommunikationsunarten nicht. Geduld und immer schön der Reihe nach war ein bestimmendes Motto, was uns älteren Menschen ganz sicher entgegenkommt.

Ich hatte eine Menge Probleme bei der Umsetzung der geforderten Aufgaben. Die hilfreiche Unterstützung des Kursleiters, der Kursbeteiligten, die generöse aber liebevolle unterstützende Anleitung durch meinen in diesen Dingen viel klügeren Sohn hat mir geholfen etwas kennen zu lernen und ein Interesse dafür zu entwickeln, dass mich weiterhin neugierig auf die Zukunft sein lässt.

Ich brauche deutlich mehr Übungs- und Verständniszeit als die Jüngeren, aber eben nur in diesem Bereich. Das Merken einer Fachsprache und das Verstehen von technischen Abläufen trainiert nicht nur mein Gedächtnis auf sehr sanfte und unterhaltsam Art, es ist spannend, wie sich Analogien bilden lassen zu dem, was man sonst schon längst weiß aus dem Reich der Wissensvermittlung.
In der unmittelbaren Benutzung und Anwendung kann ich mein Neugier und mein Wissen in unerschöpflicher Art und Weise benutzen, gibt es mir eine Chance Gelerntes über den Berufsalltag weit hinaus konstruktiv in mein Leben einzubinden und zur Verfügung zu stellen.

Es hat meinem Ego gut getan, den jungen und arrogant anmutenden Kollegen eine lange Nase machen zu können und das Gefühl mitnehmen zu können, dass ich in diesem Leben noch allemal zurecht komme, immer noch ein Stück Neugier auf Zukunft habe und Foren finden kann, in denen meine Kompetenz von Bedeutung sein kann. Und damit möchte ich schließen.

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Ein Kommentar zu “Erfahrungsbericht einer Seniorin aus dem Medienkompetenzkurs

  1. Hallo mein Andreas, nachdem ich gesehen habe, dass ich nun bei google auch auf diesem Wege unauslöschbaren Ruhm ernten kann, schreib ich dir mal schnell so, weil ich deine E-Mail-Adresse nicht im Büro habe.
    Ich habe einen Klienten, der sich als gelernter ehemaliger Altenpfleger mit sehr guten PC-Kenntnissen für die Arbeit mit Senioren am Computer interessiert. Kannst du mir für ihn vielleicht mal ein paar Infos geben, was sich da wo auf der Szene tut ? Er möchte möglicherweise dann auch ein Praktikum machen. Wär´dir sehr dankbar, wenn ich was hören würde. Ansonsten hoffe ich, dass es dir gut geht, wenn man sich schon sonst nicht in dieser „groeßn Stadt“ und der selben Straße begegnet. Liebe Grüße Eva

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